Nachhaltige Kunst -Simon Starling arbeitet mit Lehmsteinen

Lehm - der älteste Baustoff der Menschheit - moderner als je zuvor.
Das hat Firmengründer Peter Breidenbach (45) auch schon gewusst, als er vor 25 Jahren das Unternehmen Claytec -Baustoffe aus Lehm- gründete. Deshalb unterstüzt Breidenbach zum Auftakt des Jubiläumsjahrs von Claytec gern den Künstler Simon Starling (Turnerpreisträger 2005), dessen Lehmziegel-Arbeit „Plant Room“ Bestandtteil der aktuellen Ausstellung der Temporären Kunsthalle Berlin ist. Der „Plant Room“ kombiniert moderne Lehmbaustoffe mit hochtechnisierten Brennstoffzellen und Raumklimasystemen auf eindrucksvolle Weise.

Simon Starling - Under Lime
Temporäre Kunsthalle Berlin
Schloßplatz, Berlin-Mitte
06. Februar bis 18. März 2009

 

Zum Auftakt des Jubiläumsjahres 2009 (Claytec wird 25!) sponserte das Unternehmen eine große Skulptur aus Lehmsteinen des Künstlers Simon Starling (Preisträger des renommierten Turner Prize 2005), die vom 06. Februar bis 18. März 2009 in der Temporären Kunsthalle Berlin zu sehen war.

Jörg Heise schreibt in der Süddeutsche Zeitung vom 12.02.2009:

"Jemand, der sich auskennt
Simon Starling in Berlin: Eine Vision für die Kunsthalle
Im Zentrum der Temporären Kunsthalle in Berlin steht ein Lehmbau: ein Kunstwerk von Simon Starling. Zwar entstand das kleine Haus aus Lehmziegeln ursprünglich für einen Kunstraum am Bodensee. Dennoch muss man es in Berlin als Kommentar zur Frage lesen, wie in der Hauptstadt in Zukunft zeitgenössische Kunst institutionell zu zeigen wäre, auf angemessenere Weise als bisher.
Starling war im Sommer letzten Jahres eingeladen, im Kunstraum Dornbirn auszustellen: einer Industriehalle aus dem 19. Jahrhundert. Es gab nur eine Bedingung. Da das Gebäude weder klimatisiert noch ausreichend beleuchtet werden könne, sei das Zeigen empfindlicher Fotoabzüge unmöglich. Genau diese Restriktion reizte Starling. In Zusammenarbeit mit dem Architekten Martin Rauch entwickelte er einen kleinen Baukörper, der vollständig aus Lehmziegeln zu einem parabelförmigen Gewölbe gemauert ist. Das Ergebnis ist monolithisch - es wirkt so modernistisch wie archaisch. Der Innenraum wird über ein verputztes Wasserschlauchsystem je nach Bedarf geheizt oder gekühlt. Eine Hightech-Brennstoffzelle liefert den Strom dafür sowie für die Neonbeleuchtung. Und so sind plötzlich konservatorische Bedingungen auf Museumsstandard gegeben: gedämpftes Licht, konstant 18-22 Grad Celsius, Luftfeuchtigkeit 50 Prozent.
High und Low Tech, kreativ gemischt:
So stellen sich Künstler einen Ort für Gegenwartskunst vor
Das Konzept entstand in Österreich, aber in Berlin ist es fast noch besser aufgehoben. Die historischen Fotografien, die Starling im höhlenartigen Inneren des Lehmbaus zeigt, sind aus der Sammlung der Universität der Künste Berlin entliehen: Originalabzüge von Karl Blossfeldt, streng formalisierte Bilder von Blättern, Stängeln oder Samenkapseln, die ab 1928 berühmt wurden unter dem Buchtitel „Urformen der Kunst“. Nun werden sie in einer Art Urhütte gezeigt. Blossfeldts Verständnis der Pflanzenformen als Vorlage für Architektur und Ornamentik korrespondiert mit Starlings Verständnis seines Baus als Vorlage fürs Machen und Zeigen von Kunst. Der Lehmbau, mit seiner brillanten Verknüpfung von Low Tech und High Tech, empfiehlt sich als Alternative zum riesigen White Cube der Temporären Kunsthalle, in den er platziert ist. Natürlich nicht im buchstäblichen Sinne: Kunst soll ja nicht, Krise hin oder her, nur noch in bescheidenen Lehmhütten gezeigt werden. Die Bescheidenheit soll eher das Nachdenken über Voraussetzungen und Folgen gesellchaftlicher Wertschöpfung anregen- das, was man Nachhaltigkeit nennt. Zugleich wird hier der Beweis angetreten, dass institutionelle Vorgaben kreativ unterlaufen werden können.
[...]
Womit wir wieder bei Starling wären. Denn in der Temporären Kunsthalle werden wie nebenbei künstlerische Konzepte zur Vermittlung zwischen Kunst und Architektur, Künstler und Publikum entwickelt. Nicht nur mit dem Lehmbau. Eine weitere Arbeit entstand zuerst 2002 für den Portikus, den Frankfurter Kunstraum, der wie die Temporäre Kunsthalle eine provisorische Kiste war, imzwischen aber in ein permanentes Gebäude gezogen ist. Starling hatte einen Cereus-Kaktus in Südspanien ausgegraben; diese Sorte war von Filmproduktionsfirmen angesiedelt worden, die dort Western drehten. Mit einem alten Volvo-Kombi transportierte er die Pflanze nach Frankfurt; dort wurde das Auto zur Heizung umfunktioniert. Ähnliches geschieht in Berlin: der Motor wird ausgebaut, in den Ausstellungsraum verpflanzt und ist über ein Rohrsystem mit dem außen geparkten Auto verbunden. Die Wärme, die die Rohre abgeben, genügt, um die normale Raumtemperatur um einige Grad zu steigern - ideal für den Kaktus.
Die dritte Arbeit, speziell für Berlin entstanden, setzt die Schlusspointe: Unter den Linden trennte Starling mit einer gewöhnlichen Motorsäge einen Lindenast ab. Ebenjene Motorsäge funktionierte er anschließend zum Antrieb eines Flaschezugs um; mit diesem befestigte er den Ast an der Decke der Kunsthalle. Die Transplantation wirkt absurd, aber genau deshalb ist sie eine treffende Allegorie auf den Umgang mit Tradition am Schlossplatz - das vermeintlich natürlich Gewachsene wird künstlich aufgepflanzt. Und so ergeben Lehmbau, Kaktus- Heizung und Motorsägen-Flaschenzug ein Trio selbstreflexiver Systeme, die aus dem Improvisierten heraus zu überraschenden Lösungen kommen. Starling ist nicht der einzige Künstler,der sich in Berlin gewandt zwischen konzeptueller Analyse und künstlerischerArchitektur bewegt. Vielleicht sollte man bei der Kunsthallendiskussion endlich mal Fachleute zu Rate ziehen."
JÖRG HEISER
Süddeutsche Zeitung, 12. Februar 2009

Kurator Dr. Julian Heynen, Temporäre Kunsthalle Berlin:
"Die Arbeiten von Simon Starling (* 1967) handeln von natürlichen und kulturellen Transformationsprozessen. Sie entwickeln sich aus einer Reihe von gedanklichen und praktischen Schritten, die wie eine Versuchsanordnung anmutet und gleichzeitig so etwas wie die Erzählung einer Verwandlung ist.

Im Mittelpunkt von Starlings Ausstellung in der Temporären Kunsthalle Berlin stehen zwei Installationen, die um das Klima als notwendige Voraussetzung für die Existenz natürlicher oder künstlicher Systeme kreisen. Wird im einen Fall eine südliche Pflanze in den Berliner Winter verlagert, wobei das Transportmittel zugleich für die richtigen klimatischen Verhältnisse sorgt, stellt im anderen ein natürliches System die geeigneten Bedingungen für die Präsentation empfindlicher Artefakte her.

Wenn Starling von solchen Vertauschungen erzählt, liefert er keine lückenlosen Berichte oder dramatischen Schilderungen. So nachvollziehbar seine gedanklichen und materiellen Konstruktionen sind, es bleiben poetisch-fragile Andeutungen, die ebenso eigensinnig wie ästhetisch beeindruckend sind."

www.kunsthalle-berlin.com


© Temporäre Kunsthalle Berlin, Anna Werner

© Temporäre Kunsthalle Berlin, Anna Werner
Simon Starling (im grünen Pullover) im Gespräch mit Ulrich Röhlen (Mitbegründer von Claytec)

 

© Temporäre Kunsthalle Berlin, Ziehe, Plant Room 2008

© Temporäre Kunsthalle Berlin, Jens Ziehe
Plant Room, 2008, Lehmziegel, Stampflehmboden, Lehmputz, Brennstoffzelle, Klimasystem

 

 © Temporäre Kunsthalle Berlin, Jens Ziehe Plant Room, 2008

© Temporäre Kunsthalle Berlin, Jens Ziehe
Plant Room, 2008, Vitrine, acht Vintage Prints von Karl Blossfeldt

 

© Claytec, Detailansicht Lehmziegel

© Claytec
Detailansicht Lehmziegelwand Plant Room 2008

 

© Claytec, PlantRoom entsteht mit Hilfe der Denkmalpflege GmbH Prenzlau

© Claytec
PlantRoom entsteht mit fachlicher Unterstützung der Denkmalpflege GmbH Prenzlau