Auf den Spuren alter Meister (Ulrich Röhlen)

Betrachten wir den Baustoff Lehm bei Verwendung im Außenbereich, dann hat er einen Nachteil: Lehm ist nicht wasserfest und muss vor Schlagregen und Spritzwasser geschützt werden; so haben wir es gelernt. Wie kann es also sein, dass der Lehmbau ausgerechnet in Japan eine Jahrhunderte alte Tradition aufweist, obwohl dort Regenzeiten und Taifunstürme den Alltag bestimmen? Um dieses Geheimnis zu ergründen, begaben wir uns in das Land der alten Lehmputzmeister.

Harmonie im Alltag

Wir folgten dem so genannten „Band der Millionenstädte", das sich entlang der Pazifikküste von Tokio bis Kobe zieht.
Bereits beim ersten Anblick des 20-Millionen-Mollochs Tokio beschlichen uns Zweifel, im hoch industrialisierten Japan überhaupt noch Zeugnisse alltäglicher Lehmkultur zu finden. Doch sobald wir unserem Hungergefühl nachgaben, wurden wir eines Besseren belehrt: In Restaurants ist die Anwendung von Lehmputzen offenbar ganz alltäglich. Das verwundert insofern nicht, als dass Lehmputze überall dort ihren Platz haben, wo harmonische Gemeinschaft und ein verfeinerter Lebensstil gepflegt werden. Die Japaner sind ausgeprägte Feinschmecker, die auf die sinnliche Wahrnehmung der Speisen ebenso viel Wert legen wie auf den Geschmack; das Auge isst mit - gleiches gilt für die kreativ gestalteten Innenputze, die der Speise sozusagen den ästhetischen Rahmen geben. Neben sehr feinen Lehmputz-Texturen gibt es ungewöhnlich grobe Varianten mit Strohhalmen von mehr als 10 cm Länge, die in die Oberfläche eingebettet sind. Der Kreativität sind scheinbar keine Grenzen gesetzt; nicht nur hinsichtlich der Gestaltung. So sehr der Sinn für das authentische Material besonders in repräsentativen Bereichen ausgeprägt ist, so vorbehaltlos ist gleichzeitig der Umgang mit der Tradition. Mitunter ist das Original von der Fälschung nur schwer zu unterscheiden. Während wir noch die harmonischen Farben der Innenputze bewunderten, erwies sich bei näherem Hinsehen die für Lehm typische, lebendig-körnige Struktur häufig als Kunststoff-Plagiat. Derartige Nachbildungen haben auf dem Japanischen Markt derzeit Konjunktur.

Lehm - natürlich im Alltag

Unsere Reise führte uns weiter nach Kyoto und Nara, die zu den bedeutendsten der alten Japanischen Kaiserstädte zählen. Es findet sich wohl kaum irgendwo anders auf der Erde eine derartige Dichte an baulichem Weltkulturerbe. Dennoch ist Kyoto heute in erster Linie eine dynamische Millionenstadt mit allen Funktionen einer Metropole.
Dem Western-Style der Tokioter Hotels müde, logierten wir in traditionellen Herbergen, um die althergebrachte puristische Wohnkultur Japans zu erfahren. Spätestens hier waren echte Lehmputze eher der Normalfall als die Ausnahme: Feine, leuchtend gelbe Oberflächen prägten Gästezimmer und Aufenthaltsräume. Grundsätzlich scheinen die Japaner der Verwendung weicher und wasserlöslicher Materialien wie Lehm viel großzügiger gegenüber zu stehen als bei uns in Europa. Lehmputze mit ihren weichen Oberflächen haben sowohl bei der Gestaltung hoch beanspruchter Innenräume wie in Hotels ihren Platz, als auch im Außenbereich - dem Regen zum Trotz. Dabei sei den Japanern zu Gute gehalten, dass bei ihnen das Problem des Vandalismus weitgehend irrelevant ist.
Zu einer kleinen Offenbarung geriet das natürlichste Bedürfnis des Menschen: Beim Aufsuchen einer öffentlichen WC-Anlage stieß ich ebenfalls auf Lehm. Sogar das Warten an der Bushaltestelle begannen wir zu zelebrieren, denn auch die Wartehäuschen waren mit Lehmputzen versehen. Die Verwendung von Holz und Lehm bestimmt den Alltag der Japaner. Wohl proportionierte und sorgfältig ausgeführte Gebrauchsarchitektur besteht aus reinen Naturbaustoffen.

Innen und Außen als Einheit

Wir lernten das Grundprinzip japanischer Wohn- und Lebenskultur kennen: Zum Innenraum gehört immer auch der Außenraum. In die Wahrnehmung des Wohnraums sind die Ausblicke in den liebevoll angelegten Garten sorgfältig einbezogen. Die Natur wird sogar ganz konkret in die Gestaltung des Innenraums integriert. Rundhölzer mit Rinde sind wichtige Elemente, die zeigen sollen, wie nahe die Wohnstatt des Menschen trotz höchster Kultivierung der ihn umgebenden Natur ist.
Es dominiert die goldgelbe Farbe des natürlich vorkommenden Löslehms, die zu den schneeweißen Flächen aus hoch verdichteten Kalk-Glanzputzen reizvolle optische Kontrasteffekte bilden. Bei der Glanzputztechnik wird der Kalk immer wieder angenässt und unter großem Druck per Handarbeit mit der Kelle geglättet. Auf diese Weise werden die gröberen Mörtelbestandteile in die Tiefe gedrückt, an der Oberfläche verbleiben die feinen Bindemittel-Partikel. So entstehen glatte, beinahe spiegelnde Oberflächen, die an glasierte Fliesen erinnern. Wir bestaunten die Größe der Flächen, die in perfekter Handwerkskunst vollkommen rissfrei hergestellt sind.

Leben wie ein Samurai

Endlich wich unsere Reiseroute vom „Band der Millionenstädte" entlang der Pazifikküste ab und führte uns nach Kanazawa am Japanischen Meer. Bewusst hatten wir uns für diese bescheidene Großstadt entschieden, um weitere Beispiele traditioneller Holz-Lehmarchitektur zu suchen. Unsere Beharrlichkeit wurde belohnt. Wir stießen auf ein Stadtviertel mit vielen zum Teil gut erhaltenen alten Samuraihäusern. In der Öffentlichkeit trugen die bewaffneten Samurai zwei Schwerter, je eines an jeder Seite. Damit wurde der soziale Unterschied zu den einfachen Schwertträgern aus dem Bürgertum demonstriert. In den anspruchsvoll gestalteten Samuraihäusern fanden wir neben goldfarbenem Lehm zahlreiche Putze aus ausgesuchten roten und gelben Tonerden. Auch dunkle, fast schwarze Lehmputze waren und sind heute noch verbreitet. Historisch dürfte die dunkle Färbung von der Rauchschwärzung herrühren, die in vielen alten Gebäuden anzutreffen ist.
Aufgrund der besonders guten Dampfdiffusions-Durchlässigkeit hat sich Lehm in Europa im Fachwerkbau zur Trockenhaltung des Bauholzes seit weit mehr als 500 Jahren bewährt. Er ist gesundheitlich und ökologisch unbedenklich und sorgt obendrein für ein gutes Raumklima. In Japan hingegen werden Lehmputze eher aus ästhetischen Gründen eingesetzt. Sie sind Bestandteil eines architektonisch-gestalterischen Ausdrucks, der auf die Darstellung der tiefen Harmonie und Einheit des Menschen mit der Natur abzielt. Nach unserer Reise wussten wir: Für den Umgang mit Lehmputzoberflächen in Europa kann die Kenntnis der asiatischen Lehmbau-Kultur eine überaus bereichernde Wirkung haben.



 

Ulrich Roehlen

 

 

 

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Harmonie 2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lehm im Alltag

 

 

 

 

 

 

 

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